Hochbegabung & Empathie: Der verborgene mitfühlende Kern
- Denise Tollkamp
- 27. Juli
- 3 Min. Lesezeit

Was ist Empathie eigentlich?
Empathie ist die Fähigkeit, die Gefühle, Gedanken und Perspektiven anderer Menschen zu verstehen und nachzuempfinden. Man unterscheidet typischerweise drei Hauptformen der Empathie:
Kognitive Empathie: Das ist die Fähigkeit, die Gefühlslage einer anderen Person intellektuell zu erfassen und zu verstehen, was sie denken oder warum sie so handeln. Man könnte es auch als „Gedankenlesen“ bezeichnen.
Emotionale Empathie (oder Affektive Empathie): Hier geht es darum, die Gefühle anderer tatsächlich zu spüren und mitzuerleben. Man „fühlt mit“ der anderen Person. Dies kann von Mitleid bis hin zu Freude reichen.
Empathische Sorge (oder Mitgefühl): Dies ist die Motivation, auf die Bedürfnisse anderer einzugehen und ihnen helfen zu wollen, wenn sie leiden. Es ist die Handlungskomponente der Empathie.
Empathie ist grundlegend für soziale Interaktionen und den Aufbau von Beziehungen. Sie ermöglicht es uns, uns mit anderen zu verbinden, Konflikte zu lösen und soziale Normen zu verstehen.
Empathie und Hochbegabung: Eine komplexe Verbindung
Hochbegabte Menschen verfügen oft über eine erhöhte Sensibilität und eine tiefere Verarbeitungsfähigkeit für Informationen. Dies führt häufig dazu, dass sie auch eine überdurchschnittlich ausgeprägte Empathie besitzen. Sie nehmen feinste Nuancen in der Kommunikation und im Verhalten anderer wahr, können komplexe soziale Dynamiken schnell erfassen und die Gefühlswelt ihrer Mitmenschen oft sehr präzise lesen.
Ihre schnelle Denkweise und die Fähigkeit, viele Informationen gleichzeitig zu verarbeiten, ermöglichen es ihnen, sich intensiv in andere hineinzuversetzen und deren Perspektiven aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Dies kann sich in einem starken Gerechtigkeitssinn, einem tiefen Wunsch, anderen zu helfen, und einer hohen emotionalen Reaktionsfähigkeit zeigen.
Warum hochbegabte Menschen nach außen oft nicht empathisch wirken
Trotz ihrer inneren empathischen Kapazität kann der Eindruck entstehen, dass hochbegabte Menschen weniger empathisch sind, als sie tatsächlich sind. Dafür gibt es mehrere Gründe:
Intensität der Gefühle: Hochbegabte erleben Gefühle oft mit großer Intensität, auch die der anderen. Diese emotionale Übererregbarkeit kann dazu führen, dass sie sich manchmal überfordert fühlen, wenn sie die negativen Emotionen anderer wahrnehmen. Um sich zu schützen, ziehen sie sich möglicherweise zurück oder wirken distanziert, obwohl sie innerlich stark mitleiden.
Analytisches Vorgehen: Insbesondere die kognitive Empathie ist bei Hochbegabten stark ausgeprägt. Sie analysieren Situationen und Gefühle rational. Manchmal äußert sich dies in schnellen Lösungsansätzen oder logischen Schlussfolgerungen, die von anderen als kühl oder wenig emotional empfunden werden können, obwohl die Absicht dahinter empathisch ist, nämlich helfen zu wollen.
Ungeduld mit „langsameren“ Prozessen: Hochbegabte verarbeiten Informationen sehr schnell. Wenn andere länger brauchen, um Emotionen zu erkennen oder auszudrücken, kann dies zu Ungeduld führen. Diese Ungeduld wird dann fälschlicherweise als mangelnde Empathie interpretiert.
Soziale Anpassungsschwierigkeiten: Manchmal haben hochbegabte Kinder und Erwachsene Schwierigkeiten, ihre inneren empathischen Impulse in sozial angemessenes Verhalten umzusetzen. Sie wissen vielleicht, was der andere fühlt, aber ihnen fehlen die passenden Strategien, dies auszudrücken oder darauf zu reagieren.
Maskierung und Überkompensation: Um nicht als „anders“ wahrgenommen zu werden oder um sich vor zu intensiven emotionalen Eindrücken zu schützen, entwickeln manche Hochbegabte eine Art Maske. Sie wirken unnahbar oder gleichgültig, um ihre innere Verletzlichkeit oder Überforderung nicht preiszugeben.
Der weiche Kern hinter der Maske: Warum wir genauer hinschauen sollten
Was nach außen hin als Mangel an Empathie erscheint, ist bei hochbegabten Menschen also oft ein Schutzmechanismus oder ein Ausdruck ihrer einzigartigen Verarbeitungsweise. Hinter einer vermeintlichen Distanz verbirgt sich nicht selten eine tiefe Verletzlichkeit und eine immense Fähigkeit zur Einfühlung. Sie leiden oft mehr unter den Nöten anderer, als sie zeigen, und ihre schnellen Lösungsansätze entspringen einem aufrichtigen Wunsch zu helfen.
Es ist eine Fehlinterpretation, zu glauben, dass Hochbegabte aufgrund ihrer Rationalität oder ihrer sozialen Herausforderungen weniger fühlen. Das Gegenteil ist der Fall: Ihre Gefühlswelt ist oft so reich und intensiv, dass der Umgang damit eine lebenslange Aufgabe sein kann. Ihr Wunsch nach Gerechtigkeit und ihr tiefes Mitgefühl sind oft der Motor für ihr Handeln und Denken.
Das scheinbar „unempathisches“ Verhalten ist nicht Ausdruck eines kalten Herzens, sondern ein Hinweis auf eine besonders sensible und komplex denkende Persönlichkeit.
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