Hochbegabung oder ADHS? Warum die Unterscheidung so wichtig ist
- Denise Tollkamp

- 9. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Kinder, die im Unterricht unaufmerksam wirken, viel reden, sich schwer auf Aufgaben konzentrieren können oder scheinbar endlos Energie haben, bekommen häufig den Verdacht auf ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung). Doch nicht selten steckt dahinter etwas anderes – nämlich eine Hochbegabung, die sich unter ungünstigen Bedingungen ganz ähnlich äußern kann. Zwischen beiden Phänomenen bestehen deutliche Parallelen, aber auch zentrale Unterschiede, die in der Diagnostik und im pädagogischen Alltag oft übersehen werden.
Hinweis: Ich bin keine Therapeutin und stelle hier keine Diagnosen. Der folgende Text fasst eigene Recherchen aus unterschiedlichen Veröffentlichungen zusammen – mit dem Ziel, Eltern und Lehrkräften ein besseres Verständnis für die möglichen Zusammenhänge zwischen Hochbegabung, ADHS und Fehldiagnosen zu vermitteln.
Was ADHS wirklich ist
ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, bei der bestimmte Gehirnareale – vor allem der präfrontale Kortex – weniger effizient arbeiten.Betroffen sind die sogenannten exekutiven Funktionen, also die inneren Steuerungsprozesse, die Aufmerksamkeit, Impulskontrolle, Selbstorganisation und Emotionsregulation ermöglichen.
Typische Merkmale sind:
Schwierigkeiten, die eigene Aufmerksamkeit gezielt zu steuern,
impulsives Verhalten ohne vorherige Abwägung,
Probleme mit Arbeitsgedächtnis und Zeitmanagement („Zeitblindheit“),
intensive, kurzlebige Emotionen,
Motivationsprobleme und schnelle Reizüberflutung.
ADHS ist keine Erziehungsfrage, sondern eine neurologische Besonderheit, die häufig genetisch mitbedingt ist. Sie kann sich im Alltag sehr unterschiedlich äußern – von Unruhe und Ablenkbarkeit bis zu innerer Anspannung und chronischer Erschöpfung.
Diagnostische Kriterien nach ICD-10
Die Kriterien für die Diagnose von ADHS – im internationalen Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10, Ziffer F90) – sind klar definiert. Neben den Hauptsymptomen Aufmerksamkeitsstörung, hyperaktives Verhalten und/oder unkontrollierte Impulsivität müssen mehrere Zusatzkriterien erfüllt sein:
Die Auffälligkeiten müssen in mehreren Lebensbereichen (z. B. Schule, Zuhause) auftreten,
sie müssen mindestens sechs Monate andauern,
sie müssen als erheblich belastend erlebt werden,
die Symptome müssen bereits vor dem sechsten Lebensjahr beschrieben werden können,
und sie dürfen nicht besser durch andere Ursachen – etwa Unterforderung, Stress oder emotionale Belastungen – erklärbar sein.
Diese Kriterien verdeutlichen, dass eine ADHS-Diagnose eine differenzierte, kontextbezogene Beurteilung erfordert. Einzelne Verhaltensbeobachtungen genügen nicht – das gesamte Entwicklungs- und Lebensumfeld des Kindes muss berücksichtigt werden.
ADHS als Störung exekutiver Funktionen
Der US-amerikanische ADHS-Forscher Dr. Russell A. Barkley beschreibt ADHS als eine permanente Störung der exekutiven Funktionen, also jener geistigen Prozesse, die unser Verhalten steuern, planen und regulieren. Diese Sichtweise hilft besonders, ADHS von Hochbegabung zu unterscheiden, da sie die zugrunde liegenden Funktionsdefizite anstelle der äußeren Symptome in den Mittelpunkt stellt.
Es werden sieben zentrale Funktionsbereiche genannt, die bei ADHS dauerhaft beeinträchtigt sind:
Selbstwahrnehmung: Kinder und Erwachsene mit ADHS achten weniger auf das eigene Befinden und Verhalten. Sie erkennen ihren Anteil an Konflikten oft erst spät und bemerken körperliche Bedürfnisse (z. B. Hunger, Durst, Erschöpfung) zu spät. Das führt zu Impulsivität und emotionalen Überreaktionen.
Impulskontrolle: Spontane Handlungen oder Gedanken werden nicht gehemmt. Die Fähigkeit, Impulse zu stoppen und zu prüfen, ob sie zum eigenen Ziel passen, ist eingeschränkt – dadurch entstehen Ablenkbarkeit und Sprunghaftigkeit.
Arbeitsgedächtnis: Man spricht vom „inneren Navi“. ADHS-Betroffene können Ziele, Pläne und Instruktionen schlechter im Gedächtnis halten, verlieren bei Ablenkung den Faden und vergessen Zwischenschritte.
Zeitgefühl: ADHS geht mit sogenannter Zeitblindheit einher. Zeit wird entweder als quälend langsam oder als viel zu schnell erlebt. Die Zukunft scheint weit weg, bis sie plötzlich da ist – daher gibt es meist nur zwei Motivationszustände: „Spaß“ oder „dringend“.
Emotionsregulation: Gefühle sind intensiv, aber kurzlebig. Das Hier und Jetzt erscheint übermächtig, was zu impulsiven Entscheidungen, Wutausbrüchen oder überstürzten Handlungen führen kann. Ein typisches Begleitsymptom ist die extreme Empfindlichkeit gegenüber Kritik oder Zurückweisung.
Selbstmotivation: Durch Störungen im Dopamin- und Noradrenalin-Stoffwechsel fällt es schwer, Antrieb aufzubauen und Tätigkeiten als befriedigend zu erleben. Ohne äußere Struktur oder Belohnung entsteht leicht eine lähmende Inaktivität.
Selbstorganisation: Aufgrund der genannten Schwierigkeiten fehlt die Fähigkeit, langfristige Pläne aufzubauen, Prioritäten zu setzen und Aufgaben systematisch zu erledigen. Inspiration und Aktivität wechseln sich mit Chaos und Erschöpfung ab.
Diese Funktionsdefizite bestehen seit der Kindheit und unterscheiden ADHS deutlich von vorübergehenden Konzentrationsproblemen, die z. B. durch Stress, Depression oder Trauma entstehen können.
Während Hochbegabte exekutive Funktionen meist gut entwickeln und bewusst einsetzen, kämpfen Menschen mit ADHS lebenslang mit deren Steuerung.
Dopamin, Motivation und Unterforderung – neurobiologische Grundlagen
Ein zentrales Element im Verständnis von ADHS ist die Regulation von Motivation und Zufriedenheit über den Botenstoff Dopamin. Das Erleben von Zufriedenheit hängt weniger vom erreichten Erfolg als von der investierten Anstrengung ab.
Das Gehirn belohnt Anstrengung durch die Ausschüttung von Dopamin, das:
die Erwartung einer Belohnung erzeugt,
bei erfolgreichem Abschluss durch Endorphine und Serotonin ein Gefühl von Zufriedenheit auslöst,
Lernprozesse im Gehirn stärkt („Das will ich mir merken“),
und uns durch Adrenalin- und Endorphinwirkung zu neuer Aktivität motiviert.
Zum Thema Anstrengung gibt es hier einen weiteren Blogbeitrag: Hochbegabung Motivation Anstrengung
Wenn diese Dopaminausschüttung gestört ist – wie bei ADHS – bleibt die innere Belohnung aus. Das führt zu dem typischen Muster: fehlende Eigenmotivation, Suche nach Reizen, Ablenkung und chronisches Aufschieben. Stimulanzien (z. B. Methylphenidat oder Amphetamine) wirken genau hier, indem sie den Dopaminspiegel stabilisieren – sie fördern Konzentration, aber nicht automatisch Zufriedenheit oder intrinsische Motivation.
Interessanterweise zeigen auch hochbegabte Kinder in Unterforderungssituationen ähnliche Reaktionen: Wenn Aufgaben keinen Sinn ergeben oder zu wenig Herausforderung bieten, kommt es zu einer neurochemischen Unterstimulation. Das Kind sucht dann aktiv Reize – nicht aus Störung, sondern als Versuch, das innere Ungleichgewicht auszugleichen. Dieses „reaktive ADHS-Verhalten“ ist bei Hochbegabten häufig Ausdruck von Frustration, nicht von Krankheit.

Hochbegabung – wenn Denken schneller läuft als die Umwelt
Hochbegabung ist keine Krankheit, sondern eine kognitive Besonderheit. Sie beschreibt ein überdurchschnittliches Denk- und Lernvermögen (IQ meist über 130), geht aber oft mit hoher Sensibilität, Gerechtigkeitssinn, Intensität und Sinnsuche einher.
Typisch sind:
schnelle Auffassungsgabe und komplexes Denken,
intensives Interesse an bestimmten Themen,
kritisches Hinterfragen von Regeln und Autoritäten,
emotionale Tiefe und hohe Empathie,
Frustration oder Rückzug bei Langeweile.
Viele hochbegabte Kinder entwickeln sich asynchron: kognitiv weit voraus, emotional altersgerecht. Diese Diskrepanz kann zu inneren Spannungen führen, die sich in Unruhe, Reizbarkeit oder Verweigerung äußern – Verhaltensweisen, die leicht als „auffällig“ gelten.
Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Hochbegabung und ADHS
Beide Gruppen können unaufmerksam, impulsiv, ungeduldig oder sensibel erscheinen. Doch die Ursachen unterscheiden sich grundlegend:
Bereich | ADHS | Hochbegabung |
Konzentration | schwer steuerbar, Hyperfokus nur bei starkem Reiz | stabil bei Interesse oder Herausforderung |
Motivation | reagiert auf äußere Reize („Spaß oder dringend“) | orientiert sich an Sinn und innerem Interesse |
Impulsivität | ungebremst, unreflektiert | überlegt, kritisch, aber schnell |
Zeitgefühl | gestört, Zukunft ausgeblendet | verliert Zeitgefühl nur im „Flow“ |
Emotionen | kurz, intensiv, schnell wechselnd | tief, reflektiert, langanhaltend |
Organisation | dauerhaft schwierig | situativ unstrukturiert (bei Langeweile bzw. fehlender Sinnhaftigkeit - Hausaufgabenheft) |
Kurz gesagt:
Ein Kind mit ADHS möchte, kann aber nicht.
Ein hochbegabtes Kind könnte, möchte aber nicht – weil es keinen Sinn erkennt.
Warum es so häufig zu Fehldiagnosen kommt
Fehldiagnosen entstehen, wenn Verhalten ohne Kontext betrachtet wird. Viele Diagnoseverfahren arbeiten mit Symptom-Checklisten, die nicht zwischen Unterforderung und Aufmerksamkeitsstörung unterscheiden.
Häufige Ursachen:
Unterforderung im Unterricht,
Fokus auf Defizite statt auf Potenziale,
unzureichende Kenntnis über Hochbegabung,
Stress oder Überreizung durch das Umfeld,
fehlende Kommunikation zwischen Eltern und Lehrkräften.
So wird aus einem gelangweilten, frustrierten Kind schnell ein vermeintlicher „Zappelphilipp“ – obwohl die Ursache oft pädagogisch und nicht medizinisch ist.
Doppelt außergewöhnlich: Wenn Hochbegabung und ADHS zusammentreffen
Manche Kinder sind tatsächlich zweifach außergewöhnlich („twice exceptional“, kurz 2e): Sie sind sowohl hochbegabt als auch von ADHS betroffen. Diese Kombination ist selten, aber besonders herausfordernd.
Die Kinder wissen genau, was sie tun sollten – schaffen es aber nicht, es umzusetzen. Das führt zu Frustration, Selbstzweifeln und häufig zu schulischen Problemen.
Hilfreich sind hier:
klare Strukturen und Visualisierung von Aufgaben,
individualisierte Lernangebote,
positive Verstärkung statt Kritik,
Förderung der Stärken bei gleichzeitiger Unterstützung der Schwächen.
Was Eltern und Lehrkräfte tun können
Eltern:
Beobachten Sie, wann und wo Auffälligkeiten auftreten.
Suchen Sie Fachkräfte, die beide Themen – ADHS und Hochbegabung – kennen.
Schaffen Sie Struktur, aber auch Spielräume für eigene Ideen.
Fördern Sie Interessen statt nur schulischer Leistung.
Lehrkräfte:
Differenzierte Lernangebote statt Einheitsaufgaben.
Verhalten beobachten, nicht vorschnell bewerten.
Leistung und Anstrengung gleichermaßen anerkennen.
Interdisziplinär mit Eltern und Fachleuten arbeiten.
Fazit: Hinschauen statt vorschnell urteilen
Nicht jedes unruhige oder verträumte Kind hat ADHS – und nicht jedes hochbegabte Kind ist „einfach nur unterfordert“. Beides kann zutreffen, und beides verdient eine differenzierte Betrachtung.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Hat das Kind ADHS oder ist es hochbegabt?
Sondern: Was braucht dieses Kind, um zu lernen, sich wohlzufühlen und sich zu entfalten?



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